Die Blindleistung der digitalen Transformation

Der Jahres-aus-rückblick für 2017

Toningenieure wären gerne Rockstars geworden, Automechaniker eigentlich Rennfahrer, Hairstylisten eigentlich Model. So sagt man. Der Professor für Medienwirtschaft wäre gerne Pilot geworden oder, wenn nicht, dann wenigstens Günter Jauch. Bei Lufthansa haben sie mich aufgrund der Körpergrösse schon bei der Sichtung ausgeladen und dann war die Marktlücke für einen Jauch durch denselben schon besetzt.

Der macht zur Weihnachtszeit Jahresrückblicke. Und weil ich mein altes Trauma dringend verarbeiten muss, werde ich ihm diesmal voraus sein. Ich schreibe einen Jahresrückblick auf das Jahr 2017. Wie es gewesen sein wird. Ist das nicht ein „Plusquamperfekt futur“?

Jetzt mal langsam: Vom Geschäft der Vorhersage


Nun habe ich gerade in den letzten Wochen des Jahres ausreichend Gelegenheit bekommen, mich von der Komplexität der Zukunftsforschung zu überzeugen. „Tomorrow your Business“ hieß die Veranstaltung, auf die ich von den Kollegen des „2b-ahead“ Thinktank eingeladen wurde. Es war, soviel vorab, eine der ertragreichsten und spannendsten Tage, die ich seit Langem erlebt habe. Ehre wem Ehre gebührt. Doch bei aller Begeisterung für die Dichte und das Niveau der Veranstaltung selbst, Manches des dort Dargebotenen erscheint mir nicht zu Ende gedacht.

Ein Eindruck, der sich wie ein roter Faden durch mein Erlebnis des gerade ablaufenden Jahres zieht. Digital hier, digital da, digital trallala. Das Ende der Arbeit (Karl Heinz Land), das Ende Deutschlands (Frank Thelen), das Ende des Westens (Joschka Fischer), nicht nur das, das Ende aller Vorhersagbarkeit.

Jetzt mal langsam, Leute. Das Problem solcher Vorhersagen ist, dass sie auch auf die Vorhersager selbst zutreffen. Wer also das Ende der Vorhersagbarkeit vorhersagt, erscheint mir schon aus logischen Gründen wenig glaubwürdig.

Nichts ist beständiger als der Wandel. Und Günter Jauch wird auch in 5 Jahren noch Jahresrückblicke moderieren können. In einer Pirouette wird schneller, wer die Arme anlegt, den Körperquerschnitt klein macht. Gedankliche Pirouetten werden schneller, wenn wir den Betrachtungsquerschnitt verkleinern und das machen wir gerade richtig gut. Wer hingegen die Arme plötzlich ausbreitet, wird wie durch ein Wunder langsamer. Das gilt auch für das Denken.

Wie heilig ist die digitale Transformationskuh ?


Die digitale Transformation ist keine heiligere Kuh als alle Transformationen, die wir zuvor erlebt haben und es wird auch nicht die Letzte sein. Versprochen!

Ich habe im Keller ein paar „Megatrends – Studien“ von 2000 gefunden – in einem meiner nächsten Blogs werde ich mir den Spass machen, aus deren Vorhersagen für 2015 zu zitieren. Das Ziel unserer Reise ist heute wie damals und künftig also nicht so sehr das aktuelle oder irgendwie digitale Projekt. Es ist das Lernfeld, wie wir unseren Umgang mit Projekten und Zielen durch Möglichkeiten und Einflüsse dieser Phase verändern. Das eigentliche digitale Projekt, was immer es in Ihrem Unternehmen auch sein mag, ist nicht das Ende der Dinge, es ist eher das Mittel zum Zweck. So ist es immer gewesen, es ist die alte Karotte an der Stange, der Wunschtraum, dass, wenn wir damit erst mal fertig sind, das Ende der Zeit gekommen, das Ultimative, das Allerletzte im Guten oder Bösen erreicht ist. Hallelujah, wir werden alle sterben oder reüssieren – nur brav mitmachen müssen wir, sonst klappt´s nicht.

Wie alle Veränderung ist auch diese eine hausgemachte. Sie basiert auf gedanklichen Überzeugungen, die uns in 10 Jahren so modisch vorkommen werden, wie heute Schlaghosen und Vokuhila. Wir erklären gerne, was wir am Liebsten denken, in einer sich selbst wiederholenden Schleife zur unabwendbaren Aussenwirkung, um dann unser Denken als Reaktion darauf zu begründen (siehe Pirouette). Aus einer solchen Drehung findet ohne Erbrechen und Schwindel nur, wer den Bezug zum äusseren Referenzsystem nicht verliert.

Die Revolution frisst gerade ihre Wurzeln


Und gerade hier bringt der digitale Wandel tatsächlich eine neue Qualität zum Tragen. Eine, an der wir wachsen oder an der wir scheitern können. Denn das Referenzsystem geht uns gerade verloren. „Postfaktisch“ ist das neue Wort des Jahres 2017, knackige Umschreibung eines Umstandes, der nicht mehr und nicht weniger ist als die Gefährdung der über Jahrhunderte hart erarbeiteten Errungenschaften der Aufklärung. Jener Aufklärung, die die technischen Grundlagen der heute beschworenen Transformation überhaupt erst möglich gemacht hat.

Und nun frisst die digitale Revolution nicht etwa Ihre Kinder, nein, auch nicht ihre Väter: Sie frisst die Wurzel, auf der sie gewachsen ist: Information ist im digitalen Zeitalter beliebig geworden. Da ist der Leitsatz der demokratischen Gesellschaft, in der jeder seine Meinung gleichermassen ausdrücken und kundtun darf. Aus ihm ist das Mißverständnis erwachsen, dass jede kundgetane Information als gleich wert- und gehaltvoll zu gelten hat. In der entfesselten Informationsmasse ist Wahrheit beliebig und Orientierung Mangelware geworden. Kein Wunder, wenn sich Menschen in diesem Tsunami am nächstliegenden Gegenstand festhalten, besonders, wenn dieser robust einfache Lösungen vertritt.

Die Blindleistung steht im Global Innovation Index


Bestraft wird hier, wer sich aus der Diskussion um Sinn und Richtung heraushält und hofft, alleine das Potential technischer Möglichkeiten schaffe einen Vorteil. Doch der Blick auf den Global Innovation Index genügt, um Zweifel wach werden zu lassen: Zu den Top 20 Ländern, die zugleich ein überproportional gutes Einkommen pro Kopf und eine Führungsposition in Sachen Innovationskraft einnehmen, gehören, unter anderem, Deutschland, England, Frankreich und die USA. Einkommen und Innovation sollen alleine für „besseres Leben“ sorgen, als Massgabe für den Fortschritt im Sinne von „sinnvoller Weiterentwicklung der Menschheit“ dienen. Wie erklären sich da Brexit, Trump, AfD und Le Pen, wie erklärt sich, dass alle diese Länder mit der „postfaktischen“ Abwendung breiter Bevölkerungsschichten von den glorreichen Perspektiven dieser Zukunft kämpfen? Ich nenne dieses Phänomen die „Blindleistung der digitalen Transformation“.

Ich will nicht falsch verstanden werden: Die Zukunft lässt sich nicht aufhalten. Und – nein, ich bin kein Sozialromantiker, ich gehöre vielmehr zu jenen, die eine digitale Zukunft schon mitgestaltet haben, als manche der heutigen Protagonisten noch nicht mal sündige Gedanken waren. Digitale Zukunft ist aber kein ungesteuerter Supertanker, dem wir schulterzuckend zuschauen, weil wir nur die Optionen sehen, ihn entweder in die Luft sprengen oder für immer auf die Segnungen des Erdöls verzichten zu müssen. Digitale Technologien bieten einen unfassbaren Schatz an Potentialen, unser Leben nachhaltig zu verbessern.

Zugleich bieten sie ein grossartiges Arsenal an Möglichkeiten, es zur Hölle zu machen. Die gesellschaftlichen Kräfte, solche Segnungen oder Flüche in unvorhergesehener Weise sprunghaft zu beeinflussen, dürfen nie unterschätzt werden. Denken Sie daran, wie die Kernkraft, einst als Aufbruch ins gesegnete Zeitalter gepriesen, gesellschaftlich unter die Räder geriet. Erinnern Sie sich an die sprunghafte Explosion des Elektroautos und den Tod des Diesel? An Aufstieg und Verfall von „fat free“? Menschen entscheiden nach der Frage, ob sie mit einer Technologie „ein Problem erschiessen können“ (Clayton Christensen) und ob sie damit zufrieden sind, oder ob sie Ihnen Angst macht. Es gibt weniger glückliche IT-Nutzer als Sie denken. Nehme ich meine Tochter und deren Peer Group, spüre ich die ersten Erosionserscheinungen in der „Facebook“ – Generation. Der Brexit wurde gegen die nüchtern objektiven Interessen des Landes beschlossen. Kurz, es besteht die Gefahr, dass digitale Technologie, vielfach ein wahrhaft disruptiver Faktor, selbst Opfer einer disruptiven Neuausrichtung werden wird, in der die Gesellschaft dem „Good enough“ den Vorzug vor „Leading Edge“ gibt.

Was können wir also tun ?


Was im Kern für uns als Führungskräfte steckt, ist die Fähigkeit zur Orientierung und die Arbeit am Vertrauen. Gerade in einer Zeit, die immer schnellere Reaktionszyklen erfordert, kann es nur mit Vertrauen funktionieren. Wenn ich mich für jede Information und jede Entscheidung mehrfach rückversichern muss, weil weder die Authentizität der Quellen noch die Verlässlichkeit der Beteiligten sicher tragen, wird alles unendlich langsam. Vertrauen lässt sich nicht per Download bauen, jederzeit aber durch Mausklick zerstören.

Stärken Sie die Qualität des Denkens. Kritisches Denken darf nicht überflüssig werden, nur weil es schneller gehen muss. Und ganz davon abgesehen, auf welcher Basis wird eigentlich behauptet, das es schneller gehen muss? Halten Sie aus, im Pirouttenwirbel mal der Langsamste zu sein. Dass auf Nachfrage viele Führungskräfte nicht so recht wissen, wie sie das anstellen sollen mit der Qualität des kritischen Denkens, ist schon alarmierend genug.

Stoppen Sie die verbreitet unbewusste Opferhaltung gegenüber den negativen Trends der digitalen Transformation. Wenn vom Ende der Arbeit gesprochen wird, dann fragen Sie, was die Menschen denn stattdessen tun sollen. Wenn vom Ende der Vorhersagbarkeit gesprochen wird, dann fragen Sie, wie sie zukünftig Richtung und Sinn geben sollen. Wenn eine Zukunft skizziert wird, in der Roboter natürliche Ressourcen und Energie nutzen, um Produkte zu schaffen, die sich keiner mehr leisten kann (Ende der Arbeit) und die ggf. dann von anderen Robotern konsumiert werden, fragen Sie danach, welchen Sinn das macht. Bevor Sie digitale Dienste einfach so buchen, lesen sie doch wenigstens einmal die allgemeinen Geschäftsbedingungen (z.B. die von iCloud oder Microsoft 360). Und fragen Sie sich anschliessend, wie lange Business auf der Basis von Intransparenz und Misstrauen funktionieren kann und ob SIE das als Kunde unterstützen wollen.

Lassen Sie uns aufhören, das digitale Geschnatter nachzuplappern.
Lassen Sie uns den Menschen in unseren Unternehmen das Gefühl geben, das wir die Gestaltbarkeit dieser Veränderung im Griff haben und lassen Sie uns daran arbeiten, dass dem wirklich so ist.
Wer führen will, darf seinen Mitarbeitern nicht mit der gebetsmühlenartigen Wiederholung von Unabwendbarkeiten begegnen, auf deren Folgen er keine Antwort hat (siehe Ende der Arbeit).
Wer auf allein dieser Basis Gefolgschaft einklagt oder skeptische Mitarbeiter zu „ewig Gestrigen“ abstempelt, disqualifiziert sich.

Investieren Sie leidenschaftlich in die menschliche Qualität von Vertrauen und Richtung, sie wird nicht weniger wichtig, sondern der zentralste Asset der Zukunft.

Wir brauchen auf dem Parkett der Führung keine Eisprinzessinnen und -prinzen, die wie auf Droge im Tütü verliebt um die eigene Gedankenachse wirbeln. Wir brauchen die erwachsen kritische Qualität von (proverbialen) Königen und Königinnen. Das ist die zentrale Challenge der digitalen Transformation.

Fröhliche Weihnacht Ihnen Allen, liebe Leser.
Möge das kommende Jahr für Sie und Ihre Familien, für Ihr Unternehmen und Ihre Ziele ein besonders Gutes sein!

Und denken Sie in der letzten Minute dieses Jahres an den einen oder anderen Vorsatz von eben, damit wir alle dazu beitragen, dass es auch klappt.

Let´s go Könige and fix it !

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