Die DNA von Agilität: Spielen im Management – allen Ernstes ? 

Das Härteste an einem LEGO Serious Play-Workshop sind die ersten 30 Minuten.

„Bunte L-E-G-O Steinchen für U-N-S ?  Wir sind erwachsen und wichtig!“ signalisiert der ungläubige Blick von Anzug- und Kostümträgern. „Und jetzt sollen wir einen TURM bauen – geht´s noch?“ Panik bricht aus. Der Mann da vorne spricht jetzt von Spielen und Freude, von spontanen Eindrücken und vom Unterbewussten, von haptischer Intelligenz. 

Nichts, so scheint es, bringt den modernen Geschäftsmenschen mehr aus dem Konzept als der Gedanke ans Spielen.

Mit Geschäften spielt man nicht.


Das ist kein Spiel hier. Der ist doch nur ein Spieler! Hören Sie endlich auf, rumzuspielen! Spielen ist für Kinder. Der spielt bestimmt mit ‚ner Modelleisenbahn….. Was wir als Erwachsene mit Spielen verbinden, hat per Definitionem eine zentrale Konnotation: Nix für uns, zurück zum Ernsten bitte.

Dabei ließe sich darüber trefflich streiten. Das Leben ist ein Spiel, so sehen manche Hochkulturen das Universum. Wir nicht. Für uns im Westen gilt noch immer die protestantische Arbeitsethik von Max Weber: Ernsthaft harte Anstrengung, und erst danach ein Schuss Vergnügen.

Max Weber steckt auch in Generation XYZ


Die „Jungen“ turnen durchaus in lockerem Outfit um den unternehmenseigenen Smoothie Maker und brainstormen auf Kuschelsäcken im Palmenfoyer des „Campus“. Sie tun das aber bei allen besonders gesuchten Arbeitgebern am besten 7 x 14 Stunden, wie man auf jeder betreuten Wochenreise für Manager ins selige Tal des Silikons erleben kann. Erst wer den Fremdenführer mit seiner Hochglanzfahne irgendwo hinter San Jose verloren hat, erfährt im persönlichen Gespräch hinter den Kulissen, dass Generation XYZ einen genetischen Fehler der Generation A-W teilt: Auch die Digital Natives werden müde und sind NICHT burnoutresistent.

Was hat das alles jetzt mit Spielen zu tun?  Spielen ist keine Frage der Tätigkeit, es ist eine Frage der Einstellung. Wer Spielen nur als Wühlen in Legosteinen versteht, kann zwar einen Haken an die Task Liste machen bei „Heute spielen“, wird aber dennoch seine Zeit verschwendet haben.

Playfulness ist der Kern von Agilität.


Spielen beginnt damit, nicht alles so furchtbar erst zu nehmen. Spielen heißt, mit Freude durch Probieren zu optimieren. Spielen heißt, kleine Umweg und Rückschläge zu umarmen. Nicht etwa aus Desinteresse oder Ausrede. Nein, aus der einfachen Erkenntnis, dass es immer mehr als einen Lösungsweg gibt und dass jede mit noch so viel Trara verkündete letzte und beste Lösung voller Unwägbarkeiten und Fehler steckt. Wenn wir merken, dass eine Korrektur erforderlich ist, dann feuern wir nicht das Spielzeug in die Ecke, wie ein verhaltensgestörter 5 – Jähriger, sondern freuen uns daran, etwas gelernt zu haben.

Playfulness nennt man das – Playfulness ist der Kern von Agilität. Wer sie hat, kann agil sein, wer nicht, wird selbst nach hundert Schulungen zu allen Schlagworten von Xtreme bis Design Thinking vor allem eines sein: Genauso linear wie vorher, nur verwirrter. Und er wird sich in seinem Vorurteil bestätigt sehen: „All dieser Schnickschnack hat nichts, rein gar nichts gebracht“.

Burnout und Resilienz bellen den falschen Baum an


Man muss kein Psychologe sein, um zu wissen: Menschen unter Druck und Stress lernen nichts, haben weniger Ideen, können weniger gut komplexe Themen bearbeiten. Vieles am Thema Burnout und Resilienz ist huldvolles Gerede um das falsche Ziel: Den Menschen belastbarer zu machen für eine Umgebung, die seinen besten Eigenschaften widerspricht. Sinnvoller ist es, zu erkennen, welche Umgebung wir bauen müssen, um die wahre Starke des Homo sapiens sapiens zu befeuern. Für die kranke Umgebung eines Max Weber auf Steroiden sind wir ungeeignet, das kann ein Roboter besser. Wir bellen den falschen Baum an. Unser „Gegner“ ist nicht der als Automat verstandene Mensch, der partout nicht so funktionieren will, wie wir es gerne hätten. Unser Gegner ist der Glaube, die Welt ausgehend von Automaten besser machen zu können.

Hier schließt sich der Kreis. In einer für das Automatenglück perfekten Welt gibt es nichts Spielerisches mehr. Was gut und schlecht ist, was richtig und falsch ist, muss nicht erspielt, erfühlt, erlebt und erlitten werden. Es steht von vornherein fest.

  • Seien Sie also betont vorsichtig, wenn wieder einmal der Ernst allen Ernstes als Errungenschaft von Erwachsenheit und „ernstzunehmendes Businessmanship“ gefeiert wird.
  • Feiern und fördern Sie lieber jenseits aller Prozesse und Automaten jene eineindeutig menschlichen „Schwächen“, die den Automaten schwerfallen werden – Lachen, Scherzen, im Spiel versinken, sich an der Genese und Schönheit des Schaffens zu erfreuen. Jenseits der nächsten KPIs.
  • Lernen und lehren Sie den spielerischen Umgang mit Konflikten. Das ist möglich. Lässt man junge Hunde spielerisch raufen, lernen sie den Umgang mit Kraft und Konflikt. Eine ganze Kindheit von der Auseinandersetzung mit ihrer Kraft und deren Grenzen ferngehalten, schlagen 20-jährige im Suff den Nächstbesten halbtot. Das gilt auch für Unternehmen. Die bigotte Harmonie, in der Konflikte wegdefiniert werden, schafft eine Wirklichkeit voll verdeckter und intriganter Auseinandersetzung, die alles andere als harmonisch ist.
  • Lassen Sie Menschen spielen. Mehr noch: Fordern Sie sie dazu auf. Laden Sie sie dazu ein. Nur wer einen Gedanken wie einen guten Schluck Wein genüsslich durch sein Gehirn schwappen lässt, um ihn in allen Facetten spielerisch zu betrachten, findet neue Perspektiven. Befreien wir unser Lernen und Lehren von der „Don Promillo Methode“: Möglichst große Mengen in möglichst kurzer Zeit reinpumpen. Man wird schneller besoffen und kann den getankten Inhalt dann auch recht gut „wiedergeben“ (Ich hoffe, Sie lesen das nicht beim Essen).

Ach ja – da war noch die Sache mit dem Serious Play. Ich habe mit Amtsleitern und Managern, mit Kreativen und Verwaltern, mit Jungen und Alten gespielt. Wenn die ersten 30 Minuten rum sind, versinken sie alle ins Spiel. Es wird ruhig und konzentriert, die Beschreibungen werden leidenschaftlich und zwischendrin wird viel gelacht. Selbst wenn die Ergebnisse faktisch nicht sensationell wären (was sie aber häufig sind), die Menschen haben sich selbst und ihre Kollegen, ihre Themen und Ziele ganz anders kennengelernt.

Und sie haben eines wiederentdeckt – dass gewolltes und bewusstes Spielen erwachsen macht.