Omas Schürzenfunk 4.0 ? – lieber High Heels für die Tante ARD !

(Noch) ein Beitrag zur Reformdiskussion öffentlich / rechtlicher Medien

„Bewahrer der Anstalten“ und „schnittige Reformkläger“ drehen eine Gebetsmühle bekannter Argumente – sparen aber wichtige Facetten einer Diskussion um Wert und Wandel von ARD/ZDF aus.

Packungsbeilage: Ich schreibe nicht als Zuschauer und Gebührenzahler, sondern als einer der Gründungsprofessoren des FB Medienwirtschaft der Hochschule Rhein / Main, als Unternehmer und als langjähriger Reisender durch lange Flure von BR/HR/WDR/S(W)R, ZDF und vieler Privater.

Niemand kann verleugnen, dass die öffentlich/rechtlichen Medien mit massiven Problem kämpfen. Die Kultur der Auseinandersetzung darüber trägt jedoch den von Brexit, Trump und AFD bekannten Stil: Polarisierung statt Meinungsbildung.

Was sind ARD/ZDF und was nicht?


Wie Bundestag, Bundesrat, freier Journalismus und politische Parteien auch: Öffentlich/rechtliche Medien sind ein zentraler Pfeiler im Gebäude unserer Demokratie. Es wäre geboten, geeignete Wege zur Modernisierung dieser Pfeiler und zur Beseitigung ihrer faktischen Mängel zu diskutieren und nicht deren grundlegenden Sinn und Eignung als Element politischer Meinungsbildung und gesellschaftlicher Balance.

Diesem Anspruch aber wird keine der Konfliktparteien gerecht:

Die ÖR-Medien selbst verteidigen unter dem Deckmantel „Verfassungsauftrag“ eine romantisch verklärte Innensicht und den Status quo als abgeschottetes Biotop zur dauerhaften Versorgung ihres aufgeblasenen Apparats.

Politische Parteien und die Regierungen in Bund und Land betrachten die ÖR als Vorgarten von Staatskanzlei und Bundeskanzleramt. Ihnen geht es um Einflussnahme, von parteipolitischen Plattitüden im Rundfunkrat bis zu direkten Anrufen in den Redaktionen.

Für die privaten Medienunternehmen als dritte Interessengruppe sind die ÖR ein Wettbewerber um Marktanteile in einem aus ihrer Perspektive durch öffentliche Förderung verzerrten Markt.

Jedoch: ÖR Medien sind nichts von alledem.

Alle Diskursparteien scheinen Sinn und Zweck der Idee, den letztlichen Auftrag vergessen zu haben: Die ÖR-Medien sind Verfassungsorgan und Bürgerfunk. Sie gehören der Allgemeinheit, nicht der Politik. Sie gehören auch nicht in den Wettbewerb.

Ein Verfassungsorgan als Konkurrenz privater Unternehmen zu betrachten, ist absurd. Die gesetzliche Rentenversicherung ist ja auch kein Wettbewerber privater Versicherer und die Polizei ist kein Beispiel verzerrter Märkte zu Ungunsten privater Sicherheitsunternehmen.

Das mag einem gefallen oder nicht. Mir selbst stösst es häufig genug sauer auf. Fakt aber ist: In einer stabilen Demokratie diskutiert man Verfassungsfragen nicht mit betriebswirtschaftlicher Logik.

klarer Bedarf, unendliche Mittel, Null Bewegung


Es ist gut, dass ARD/ZDF unbedrängt durch einen für sie geschaffenen Strafraum springen dürfen. Doch allein das Sonderrecht, vor dem Tor nicht bedrängt werden und den Ball als Einziger in die Hand nehmen zu dürfen, macht noch keinen guten Torwart.

Was genau ist also Auftrag der ÖR Medien? Was ist heute deren Sinn und Zweck? Was macht sie „gut“?

Die digitale Medienrevolution hat den Traum einer „Informationsgesellschaft“ für reife Bürger bisher weit verfehlt. Der Zwischenstand ist eine Kultur rastloser Halbwilder, die bar jeglicher geschützten Persönlichkeit und Orientierung halbnackt um große Mengen Datenmüll tanzen und „Free Wifi“ als Ausdruck politischer Programmatik skandieren.

Unabhängige Inhalte und professioneller Journalismus sind gerade heute unverzichtbar. Wer die transformierte Medienkultur einer reifen digitalen Gesellschaft als mögliche Zukunft bewahren will, braucht eine Kraft, die nicht dem Leitbild schneller Marktanteile hinterherrennen muss.

Eine unabhängige, ruhige, überzeugende, eine witzige und zugleich unbequeme Stimme, zeitgemäß und hochwertig inmitten des digitalen Wahnsinns. Welch ein Traum, sich mit diesem Auftrag eine Medienorganisation bauen zu können – mit finanzieller Hilfe in Höhe von – zur Erinnerung –  8 MILLIARDEN EURO !

Eine solche Neuerfindung der ÖR wäre grossartig.

Und sie wäre bitter nötig.

Und sie findet nicht statt.

Das kann nicht an der mangelnden Qualität der Menschen liegen. In den Häusern der ÖR finden sich großes Talent, langjährige Erfahrung, echter Journalismus, leidenschaftliches Recherchieren und Schreiben und richtig gute Ideen. Die allgegenwärtigen „Gremien“ der Häuser sind jedoch mit Anträgen zur Tagesordnung und Posten – Schach beschäftigt. Millionenschwere Beratungs- und Veränderungsprojekte gebären mühsam die Antwort auf banale Fragen, wie nach dem Sinn der Zusammenlegung von (digitaler) IT und (digitaler) Produktionstechnik. Das zieht sich, geht es dabei doch hauptsächlich um Machtverschiebung und Abteilungszuschnitt und nur am Rande um sachliche Fragen.

Wer das erlebt hat, dem drückt es morgens Freudentränen in die Augen, wenn aus dem Radio überhaupt ein Ton kommt. Die ÖR funktionieren nicht wegen, sondern trotz ihrer unerträglich verquasten Führungsarchitektur. Und gesessen daran noch erstaunlich gut.

Was ist zu tun?


  1. Die ÖR stehen nicht im Wettbewerb. Gerade deswegen es ist Aufgabe ihrer geschützten Sonderstellung, selbst dafür zu sorgen, den Bürger für IHREN Auftrag zu begeistern und nicht über deckungsgleiche Inhalte mit Privaten zu konkurrieren.
    Das ist nicht einfach. Was aber rechtfertigt den Wertbeitrag der ÖR für unsere Gesellschaft, wenn sie diesen Job nicht gestemmt bekommen – bei einem Budget von 8 Mrd. €?
  2. Die Debatte um den Zugang der ÖR zu den manchen digitalen Kanälen ist bigott. Wer den Verfassungsauftrag ernst nimmt, kann die ÖR nicht von jenen Kanälen fernhalten, die den Stand der Zeit ausmachen. Im Rennen um professionelle Medienarbeit darf man den Teilnehmer im Verfassungstrikot nicht mit einer Dampfmaschine losschicken.
  3. Es ist fast schon zu spät für die lange aufgeschobene „Entblähung“. Sie muss JETZT anfangen. Eigentlich, das ist wirklich bitter, war schon vor 20 Jahren unklar, wozu man auf dem Lerchenberg (das ZDF muss als Beispiel herhalten) ein Stadtviertel bauen musste, um Fernsehen zu machen.
    Allein das ZDF (eins von mehr als 10 Häusern der ÖR) beschäftigt mehr als 3.000 feste und freie Mitarbeiter. Wie bei allen Sanierungen gilt: Jeder dieser 3.000 Menschen macht irgendwas und findet das auch wichtig. Die Frage ist leider: Was macht es mit dem genannten Auftrag der ÖR und dessen Qualität, wenn dieser Mitarbeiter es nicht mehr tut? Das ist ein langsamer Prozess, denn die den Mitarbeitern gegenüber gemachten Commitments gilt es selbstverständlich einzuhalten. Je länger man sich aber noch vor diesem Schritt drückt, desto härter wird der Fall enden. Das ist die typische Dynamik von Systemen, die lange verdrängen, dass sie über ihre Verhältnisse leben
  4. Die Kostenreduzierung ist nur ein kollateraler Effekt. Nur eine schlanke und schnelle Struktur, von ihrem Wasserkopf befreit, kann auf die Herausforderungen der Zeit reagieren. Es ist ein Oxymoron, nach besserem Zugang zu digitalen Kanälen zu rufen und sich organisatorisch wie an analoger Dinosaurier aufzustellen.
  5. Ich habe zu wenig Kenntnis von den juristischen Details des Rundfunkstaatsvertrages. Bei jeder anstehenden Reform aber sollte weniger die Frage der Finanzierung oder der Regulierung im Zentrum stehen, sondern die Entmachtung der Politik und die Entstaubung der Organisationsstrukturen, beides zu Gunsten der Kompetenz.

Wach auf, du gute Tante ARD!
Zieh endlich das dämliche Blümchenkleid, die Schürze und die Omaschlappen aus und finde deinen ganz besonderen Sex-Appeal. Im Grunde fänd ich dich viel anziehender als die prall geschminkte Blondine Privatfernsehen mit ihren aufgespritzten Lippen.

Und lass sich mich jetzt bitte nicht allein!